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20.Jahrhundert » Taliban Regime

1994 griffen die radikal-islamischen Taliban in den afghanischen Bürgerkrieg ein und brachten bis 1997 außer den Norden des Landes weite Teile unter ihrer Kontrolle. Die Entstehung der Taliban ist in erster Linie das Ergebnis des Versagens der Mujaheddin, die 1992 nach der Machtübernahme weder in der Lage waren, einen Nationalstaat zu gründen und noch die Ziele der pakistanischen Regierung schon in den Jahren des Widerstandes für ihre künftige Afgahnistanpolitik zu erreichen. Die erfolgreiche Schaffung eines Nationalstaates in Afghanistan durch die Mujaheddin hätte verhindern können, dass Pakistan in Afghanistan und in der Region die Oberhand gewinnt. Andererseits wäre es dann überhaupt nicht nötig gewesen, das Taliban-Regime zu schaffen und diese hauptsächlich von Pakistans Regierung als eine neue politisch- militärische Kraft einzusetzen. Die ersten radikal-islamischen Vertreter dieses Regimes waren Gulbuddin Hekmatyar (Paschtune), der Oberhaupt der Vereinigung Hezb-e islami afghanistan und der Führer der Gruppe jebheh-ye islami afghanistan, Abdolrahb-Rasul Sayyaf (Paschtune), die mit Waffen und Geld versorgt, die Übernahme der afghanischen Regierung übernehmen sollten und auch kurzzeitig übernahmen. Die Taliban wurden durch gezielte Anwerbung zum Teil aus der 2. Generation der seit 1978 in den pakistanischen Flüchtlingslagern lebenden Afghanen und aus den Absolventen pakistanischer religiöser Madrassas (Islamische Lehranstalten, ca. 1400 in den "tribal areas" Pakistans) sindischer und punjabischer Herkunft rekrutiert. Sie nennen sich Religionskrieger und sind teils Ex-DVPA-Mitglieder und ehemalige Widerstandskämpfer. Sie sind meist 15-30 Jahre alt, viele von ihnen sind Waisenkinder und Analphabeten. Diese werden wiederum von zahlreichen fanatischen islamischen Gemeinschaften wie die Islamische Gemeinschaft Pakistans, Gemeinschaft pakistanischer Ulema und ähnlichen gleichgesinnten Kräften unterstützt; finanziell in den arabischen Ländern und ideologisch mit Wohlwollen der pakistanischen Regierung. In diesem Sinne bildeten die Taliban ein religiös-politisch-finanzielles Machtsystem, dass mit der Nationalität und Heimatliebe nicht zu tun hatte, sondern direkt und kompromisslos die Ziele verfolgte, die ihm gesetzt worden waren. Im Entstehungsjahr der Taliban-Regierung bildete sich in Afghanistan gleichzeitig unter Führung des Tadschiken Ahmed Schah Massud und dem ehemaligen Präsidenten Rabbani die Nordallianz (jebheh-e mottahed-e islami nejat-e afghanistan), die mit ihren Mujaheddin den Norden Afghanistans kontrollierten und die ihre einzigen Gegner im Land waren. Lange Zeit davor führte die jonbesch-e melli-ye islami afghanistan (Nationale Islamische Bewegung Afghanistans) des Generals Dostum, einem Usbeken, die politischen Geschäfte.
Pakistan hatte und hat in Afghanistan und in Mittelasien politische, geographische, demographische und wirtschaftliche Interessen. An der Spitze der Taliban- Administration, des sogenannten "Islamischen Emirats Afghanistan", stand Molla Mohammad Omar. Er wurde mit sämtlichen politischen, gesellschaftlichen sowie administrativen Kompetenzen ausgerüstet. Das wichtigste Machtinstrument für die Einhaltung von Ruhe und Ordnung im Land selbst war das Ministerium für die Förderung der Tugend und Verminderung des Lasters. Hierbei handelte es sich um das ausführende Organ bestehend aus jugendlichen Fanatikern, die einer strengen islamischen Gehirnwäsche unterzogen wurden. Das Ministerium war zuständig zur Bewachung der Durchführung der Erlasse und bestimmte willkürlich Strafen und deren Anwendung im Fall jeglichen Verstoßes. Die beabsichtigten Ziele der Taliban-Regierung waren die Wiederherstellung der durch die innerparteilichen Machtkämpfe gestörten Ruhe und Ordnung, die Sicherstellung der islamischen Identität Afghanistans und die Schaffung eines Staates nach dem ursprünglichen Modell des Islams als Vereinigung von Religion und Politik d.h Errichtung eines Gottesstaates. Obwohl Angelegenheiten direkt von Islamabad durch den in Kabul sitzenden pakistanischen Botschafter Aref Ayub geregelt wurden, trat in der internationalen Presse Wakil A.M. für die Außenpolitik Afghanistans als verantwortlich in Erscheinung, um die pakistanische Einmischung in den inneren Angelegenheiten des Landes zu tarnen. Hinter dem gesamten Verwaltungsapparat standen die pakistanische Regierung und ihre dafür zuständigen Regierungsstellen wie der pakistanische Geheimdienst ISI, die die endgültigen Entscheidungen trafen und umsetzten. Ohne ausländische Unterstützung wäre es der Taliban-Regierung nicht möglich gewesen, in einer so kurzen Zeit fast ganz Afghanistan zu erobern. General Nasrullah Babar, der Innenminister der pakistanischen Regierung Benazir Bhutto erklärte 1994 öffentlich, dass die Existenz der Taliban ein Zusammenspiel des pakistanischen Innenministeriums und der JUI (jama `at-e `ulama, politischer Bündnispartner) zu verdanken ist. Der pakistanische Geheimdienst ISI übernahm die weitere spätere Übernahme der Taliban-Regierung. Nach Außen hin genoss das Taliban-Regime über keinerlei Akzeptanz und wurde nicht als Staat angesehen, der den freien Willen der Afghanen widerspiegelte. Die Taliban fanden ausgenommen bei Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten keine internationale Anerkennung, da sie in erheblichem Maße die Menschenrechte verletzten. Saudi-Arabiens Wirtschaftshilfe bei den Taliban kam zum Abbruch, als die Taliban Osama Bin Laden, den Feind der arabischen Königsfamilie, Gastrecht gaben. Seit geraumer Zeit lebte der weltbekannte Top-Terrorist in Afghanistan und genoss den Schutz der Taliban. Die USA machen ihn verantwortlich für die Bombenexplosion in den amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania von 1998 und für den Anschlag auf das World Trade Center von 2001 in New York. Hätten die Taliban Osama Bin Laden an den USA ausgeliefert, so hätten sie nicht nur einen ihrer potenziellen Finanzierer, sondern auch ihre gesamten Unterstützer in den extremistischen Zentren der islamischen Welt verloren. Im selben Jahr wird der Führer der Nordallianz, Ahmed Schah Massud, von arabischen Fanatikern ermordet.
Die Assoziation Talib = Angehöriger der Unterschicht ist erlaubt. Die Koranschulen in denen die Taliban ausgebildet wurden, entstanden in Pakistan unmittelbar nach ihrer Unabhängigkeit in den 50er Jahren. Dort wurden und werden immer noch die einfache Geistlichkeit bzw. die Dorfmullahs ausgebildet. Sie sind meist Söhne von landlosen Tagelöhnern oder Jungen, deren Väter im Krieg umgekommen sind. Jedoch wird in diesen Schulen nicht der Koran gelehrt sondern die Scharia, die islamische Rechtstradition. Die Gesetze, die die Taliban-Regierung am afghanischen Volk auszuüben versuchten, hatten nichts mit dem Islam zu tun. Sie waren kulturelle Normen, die u.a. vielmehr mit der paschtunischen Stammesethik zu hatten.Die afghanischen Jungen, die in Pakistan die islamischen Madrassas besuchten, waren überwiegend Paschtunen, da auch die überwiegende Zahl der Flüchtlinge in den 80er Jahren Paschtunen waren. Die Mehrzahl der Flüchtlinge hielt sich in der Nordwest-Provinz auf, wo Paschtu Umgangssprache ist. Auch in den pakistanischen Madrassas wird auf Paschtu unterrichtet. Auf diesem Hintergrund ist klar, warum die Taliban- Bewegung in erster Linie eine paschtunische Bewegung ist.
Das Regime nötigte während seiner Herrschaft den Afghanen einen extremen Islamismus vor. Die falsche und radikale Auslegung des Islams steht im Widerspruch mit der allgemein verbreiteten Religiosität der Afghanen in Afghanistan.
Im vorigen Abschnitt wurden die Ziele des Taliban-Regimes kurz erläutert. Die wirklichen Ziele aber reichen weit darüber hinaus und sind von Pakistan der Reihe nach wie folgt gesetzt worden:

  • Abschaffung der nationalen Identität Afghanistans durch systematische Zerstörung der afghanischen Kultur und Geschichte. Beispiel: Teilung der Hauptstadtfunktionen zwischen Kabul als dem Zentrum der historischen Einheit des afghanischen Volkes und Kandahar als dem Geburtsort von Mullah Omar, um das Gefühl der "Afghanität" zu schwächen.
  • Einführung der Urdu-Sprache in Afghanistan, beginnend mit der Änderung der Aushängeschilder der Geschäfte und Straßennamen.
  • Massiver Ankauf von Häusern und Ländereien überwiegend durch Pakistanis sindischer und punjabischer Abstammung.
  • Systematische Zerstörung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Infrastruktur sowie die Ausplünderung des Kulturerbes Afghanistans, um die Abhängigkeit des Landes von Pakistan zu forcieren.
  • Zwangsdeportationen der Bevölkerung unter dem Vorwand von Sicherheits- gründen. Beispiel: Evakuierung der fast gesamten Bewohner des Schamali- Tals nördlich von Kabul nach Jalalabad (Pakistan).
  • Schürung von ethnischen Konflikten, um durch Rivalitäten zwischen verschiedenen Ethnien das Gefühl der nationalen Einheit zu schwächen.
  • Einverleibung Afghanistans als die dominierende Atommacht in der islamischen Welt mit weiteren Expansionszielen sowohl in Indien wie in Zentralasien.

Afghanistan ist reich an kultureller, sprachlicher, religiöser und sozialer Differenziertheit, was aber per se kein Grund für Feindschaft, Konflikte und Verfolgung sein muss und auch kein Hindernis für Frieden und Integration. Vielmehr ist dies nach Durkheim, einem der Väter der Sozialwissenschaft, Vorrausetzung für eine kohärente Gesellschaft. Im Kontext des afghanischen Konfliktes wird die Ethniezität bewusst als Instrument eingesetzt, um die Kämpfer und die Bevölkerung mit Gefühlen und Emotionen gemeinsamer, quasi-familiärer Abstammung zu polarisieren. Es geht eher um politische und religiöse Macht, Einfluss und Geld.
Es wird vermutet, dass der amerikanische Geheimdienst CIA als Hintergrundspender ("back donor") der pakistanischen Armee ISI steht. Der Wunsch beider Länder war ein Ende des Bürgerkrieges zwischen den Mujaheddin und der kommunistischen Regierung durch eine neue Ordnungsmacht. Pakistan hatte u.a Pläne für den Ausbau der Handelsstraße Karachi-Quetta-Kandahar-Herat nach Turkmenien und Usbekistan. Der amerikanische Ölmulti UNOCAL hatte große Erdöl - und Erdgasfelder in Turkmenien prospektiert und Vorverträge für den Ausbau geschlossen. Die Pipeline sollte bis zum persischen Golf gebaut werden. Iran schied als Transitland wegen den gespannten Beziehungen zur USA aus. Es war naheliegender, den Bau einer Pipeline durch den Westen Afghanistans durchzuführen. Die amerikanische Regierung stellte als Folge die finanzielle und militärische Hilfe für die Mujaheddin, die sich gegen den Bau der Pipeline entschlossen hatten, ein, mit dem Glauben, durch die neue Taliban-Regierung ihre Vorhaben verwirklichen zu können.
Zwei Prämissen, die eine Unterstützung der Taliban bedingten sind folgende: Afghanistan ist strategisches Hinterland für einen potenziellen Waffengang mit Indien (Kaschmirkonflikt). Deshalb war Pakistan daran interessiert, die Frage nach dem Bestand der Durand-Linie, die die Grenzen zwischen Pakistan und Afghanistan im Südosten festlegt, durch eine genehme Regierung in Kabul von vornherein zu vermeiden. Die Militärs sahen zudem in Afghanistan eine notwendige "strategische Tiefe", um bei militärischen Auseinandersetzungen mit Indien bestehen zu können. Pakistans Innenminister Barbars Interesse war es, neue Verkehrswege in die ressourcenreichen zentralasiatischen Länder zu erschließen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan stellten sich als ein Hindernis dar, da auf dem Landweg nur der Zugang über Afghanistan möglich ist. Die Taliban waren aufgefordert, die militärischen Hindernisse und lokalen Zollschranken (Einnahmequellen der lokalen Kommandanten) aus dem Weg zu räumen. Gleichzeitig startete Barbar eine Initiative zur Gründung einer afghanischen Handels - und Entwicklungsgesellschaft, die der Forderung nach Eröffnung eines Landkorridors zu den Erdgas - und Ölquellen Zentralasiens Nachdruck verleihen sollte. Pakistans Telecom installierte ein Telefonnetz in Kandahar und integrierte es ins pakistanische.
2001 kommt es durch die Nordallianz, die einzigen Widerstandskämpfer im Land gegen die Taliban-Regierung und durch amerikanisch-militärischer Unterstützung zum Sturz des Regimes. Der amerikanische Angriff wurde bedingt durch den sich in Afghanistan aufhaltenden Top-Terroristen Osama Bin Laden, der für die Anschläge auf das World Trade Center von 2001 verantwortlich gemacht wird. Die Taliban waren nicht gewillt, Osama Bin Laden auszuliefern, da sie u.a. sonst einen ihrer größten Finanzierer und Unterstützer verloren hätten. Die Nordallianz kehrte nach jahrelangem Widerstand in die Hauptstadt Kabul zurück und nahm sie ein.
Die Folgen der Taliban-Herrschaft sind nicht schwer zu erkennen. Die Inflationsrate stiegt mit rasender Geschwindigkeit aufgrund des u.a. ungedeckten Gelddrucks. Es kam zum wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die gesamte zivile und demokratische Gesetzgebung und Rechtsprechung wurde abgeschafft. Erhebliche Missachtung der Menschenrechte und die Unterdrückung der Frauen standen auf der Tagesordnung. Afghanistan ist zu den wichtigsten Zentren der Drogenproduktion in der Welt geworden. 60% der Weltdrogenproduktion stammen aus Afghanistan. Die größten Einnahmequellen während der Taliban-Herrschaft waren Drogenanbau, Drogen- produktion, Waffenhandel und Terrorismus.

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