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Lage in Herat
15.08.2004

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15.08.2004 » Michael

Nachdem man mir 3 Tage lang erzaehlt hat, dass unser Funker krank sei, ist man nun heute mit der Wahrheit rueber gekommen. Der Bursche sitzt im Knast.
Die mir unterbreitete Variante lautet so: sein Vater hat einige Steine auf dem Grab seiner verstorbenen Frau gefunden und die vermutlichen Verursacher gebeten, diese wegzuraeumen. Die haben abgelehnt. Daraufhin hat sein Vater die Verwandtschaft zusammengetrommelt und die Steine selber weg geraeumt. Die Besitzer dieser Klamotten haben daraufhin ebenfalls Generalmobilmachung angeordnet und innerhalb weniger Minuten gab es eine Strassenschlaegerei mit etwa 40 Beteiligten. Zwei oder 3 davon liegen jetzt im Krankenhaus und 5 oder 6 andere wurden von der Polizei in den Knast gesteckt.

Die Ermittlung der Schuldigen war recht einfach und folgte einer bewaehrten Methode: die reichere Familie kann mehr zahlen um ihre Leute aus dem Knast zu holen. Es ist deshalb fiskalisch unsinnig, die aermere Familie zu verhaften. Man muss nur aufpassen, dass man nicht an eine einflussreiche Familie geraet, die sehr gute Beziehungen zu Ismael Khan oder aehnlichen Groessen hat. Die beruflichen Faehigkeiten hiesiger Beamter bemessen sich daran, dass sie solche Stolperfallen rechtzeitig erkennen und nicht willkuerlich jemanden verhaften, bloss weil der gerade mit 7,62 mm-Argumenten um sich wirft. Nachdem auf diese Weise die Schuldigen (=Zahlungsfaehigen) festgestellt worden sind, kann die Gerechtigkeit ihren afghanischen Lauf nehmen. Das tut sie derzeit gerade.
Neben unserem Funker sind auch noch einige Angestellte von UNHCR und UNAMA betroffen. Wir werden uns nun mal zusammensetzen und diskutieren, wie wir die Leute wieder aus dem Knast bekommen. Die hiesige Auffassung von Recht und Ordnung ist mir zwar sehr fremd, aber ich brauche den Funker.

Mein Finanzhaeuptling wird gerade von der Familie einer entlassenen Reinigungskraft bedroht. Da schwirren zweideutige Bemerkungen herum und Salem guckt recht sorgenvoll. Ich weiss auch partout nicht, wie ich ihm da helfen kann. Dabei ist das hier alles noch recht manierlich. Mein geschaetzter Kollege in Kandahar muss mehrfach im Jahr die Fenster erneuern lassen, weil mal wieder jemand eine Bombe gezuendet hat. Das dabei noch keinem was passiert ist spricht gegen die afghanischen Feuerwerker und fuer ein kleines Wunder. Beim letzten Mal haben sie die Bombe in einer Muelltonne plaziert und damit - neben den zerstoerten Fensterscheiben - die ganze Strasse vollgesaut.

Die in Jalalabad sind ebenfalls nicht zu beneiden. Dort sind es die woechentlichen Raketen. Die Sicherheit fuer das UN-Buero besteht ironischerweise darin, dass es das Ziel ist. Denn diese chinesischen Raketen machen zwar erheblichen Laerm und zerstoeren auch einiges, aber es besteht kaum die Gefahr, dass sie das anvisierte Ziel treffen. Das hat bei unzaehligen Versuchen bisher erst einmal geklappt. Die Rakete sauste in den Rasen und explodierte nicht. Hat dann der Hausmeister mit einer Schubkarre weggraeumt.

Wenn man lange genug hier ist, nimmt man den ganzen Irrsinn kaum noch war, weil man sonst zu keiner Arbeit kaeme und vielleicht auch noch durchdrehen wuerde.

Richtig nervig sind die vielen Sicherheitswarnungen, die mir den PC zumuellen. Was soll ich bitte mit einem Hinweis anfangen, der mich vor einem schwarzhaarigen Mann mit Bart warnt, der in afghanischer Nationaltracht herumlaeuft und im Verdacht steht, im Verdacht zu stehen. Er benutzt einen gelb-weissen Toyota Corolla. Dummerweise sind das die hiesigen Taxis und damit etwa 40% aller Fahrzeuge.
So ein Quatsch flattert mir nun taeglich auf den Schirm. Wenn man Unsicherheit in grossem Stil verbreiten will, braucht man nur aus jeder Organisation die groessten Nervoeslinge zu nehmen und sie in einem Sicherheitsmeeting zusammenfassen. Dann laesst man sie woechentlich tagen und taegliche Bulletins an alle per mail schicken. Der Erfolg wird durchschlagend sein. Binnen kurzem werden die ruhigsten Leute nervoes, obwohl sich an der tatsaechlichen Lage nichts geaendert hat. Dafuer sind dann die Chefs auf der sicheren Seite, weil sie alles zur Warnung, Frueherkennung usw. unternommen haben.


Seit gestern wird an 3 Stellen um Herat gekaempft. Einige kleinere Warlords wollen dem grossen Ismael Khan ans Leder. Ist alles noch mindestens 30 km weg. Dafuer gibt`s eine Friedensdemo in der Stadt. Aufgerufen hat Ismael Khan. Alle Hilfsorganisationen bleiben vorsorglich zu Hause - wir auch.
Auslieferungsfahrten der Baumaterialien koennen wir ohnehin nicht machen. Dann mache ich halt ein bisschen Innendienst.

Wer nach Herat will, muss durch 10 km Flachland vor der Stadt. Dort gibt es keinerlei Deckung gegen die Herater Panzer und erst recht keine gegen die US Air Force. Bei ersteren weiss man allerdings nicht sicher, auf wessen Seite sie stehen. Die werden wohl kaum vergessen haben, wie sie im Maerz hier unter die Raeder gekommen sind. Und bei der Air Force waere es gut zu wissen, ob die Ismael Khan ueberhaupt schuetzen wollen. Alles klar? Alles verstanden? Gut! Ich naemlich nicht.

Gruesse vom Hindukusch

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