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Nachdem man mir 3 Tage lang erzaehlt
hat, dass unser Funker krank sei, ist man nun heute mit der Wahrheit
rueber gekommen. Der Bursche sitzt im Knast.
Die mir unterbreitete Variante lautet so: sein Vater hat einige
Steine auf dem Grab seiner verstorbenen Frau gefunden und die vermutlichen
Verursacher gebeten, diese wegzuraeumen. Die haben abgelehnt. Daraufhin
hat sein Vater die Verwandtschaft zusammengetrommelt und die Steine
selber weg geraeumt. Die Besitzer dieser Klamotten haben daraufhin
ebenfalls Generalmobilmachung angeordnet und innerhalb weniger Minuten
gab es eine Strassenschlaegerei mit etwa 40 Beteiligten. Zwei oder
3 davon liegen jetzt im Krankenhaus und 5 oder 6 andere wurden von
der Polizei in den Knast gesteckt.
Die Ermittlung der Schuldigen war recht einfach und folgte einer
bewaehrten Methode: die reichere Familie kann mehr zahlen um ihre
Leute aus dem Knast zu holen. Es ist deshalb fiskalisch unsinnig,
die aermere Familie zu verhaften. Man muss nur aufpassen, dass man
nicht an eine einflussreiche Familie geraet, die sehr gute Beziehungen
zu Ismael Khan oder aehnlichen Groessen hat. Die beruflichen Faehigkeiten
hiesiger Beamter bemessen sich daran, dass sie solche Stolperfallen
rechtzeitig erkennen und nicht willkuerlich jemanden verhaften,
bloss weil der gerade mit 7,62 mm-Argumenten um sich wirft. Nachdem
auf diese Weise die Schuldigen (=Zahlungsfaehigen) festgestellt
worden sind, kann die Gerechtigkeit ihren afghanischen Lauf nehmen.
Das tut sie derzeit gerade.
Neben unserem Funker sind auch noch einige Angestellte von UNHCR
und UNAMA betroffen. Wir werden uns nun mal zusammensetzen und diskutieren,
wie wir die Leute wieder aus dem Knast bekommen. Die hiesige Auffassung
von Recht und Ordnung ist mir zwar sehr fremd, aber ich brauche
den Funker.
Mein Finanzhaeuptling wird gerade
von der Familie einer entlassenen Reinigungskraft bedroht. Da schwirren
zweideutige Bemerkungen herum und Salem guckt recht sorgenvoll.
Ich weiss auch partout nicht, wie ich ihm da helfen kann. Dabei
ist das hier alles noch recht manierlich. Mein geschaetzter Kollege
in Kandahar muss mehrfach im Jahr die Fenster erneuern lassen, weil
mal wieder jemand eine Bombe gezuendet hat. Das dabei noch keinem
was passiert ist spricht gegen die afghanischen Feuerwerker und
fuer ein kleines Wunder. Beim letzten Mal haben sie die Bombe in
einer Muelltonne plaziert und damit - neben den zerstoerten Fensterscheiben
- die ganze Strasse vollgesaut.
Die in Jalalabad sind ebenfalls nicht zu beneiden. Dort sind es
die woechentlichen Raketen. Die Sicherheit fuer das UN-Buero besteht
ironischerweise darin, dass es das Ziel ist. Denn diese chinesischen
Raketen machen zwar erheblichen Laerm und zerstoeren auch einiges,
aber es besteht kaum die Gefahr, dass sie das anvisierte Ziel treffen.
Das hat bei unzaehligen Versuchen bisher erst einmal geklappt. Die
Rakete sauste in den Rasen und explodierte nicht. Hat dann der Hausmeister
mit einer Schubkarre weggraeumt.
Wenn man lange genug hier ist, nimmt man den ganzen Irrsinn kaum
noch war, weil man sonst zu keiner Arbeit kaeme und vielleicht auch
noch durchdrehen wuerde.
Richtig nervig sind die vielen Sicherheitswarnungen, die mir den
PC zumuellen. Was soll ich bitte mit einem Hinweis anfangen, der
mich vor einem schwarzhaarigen Mann mit Bart warnt, der in afghanischer
Nationaltracht herumlaeuft und im Verdacht steht, im Verdacht zu
stehen. Er benutzt einen gelb-weissen Toyota Corolla. Dummerweise
sind das die hiesigen Taxis und damit etwa 40% aller Fahrzeuge.
So ein Quatsch flattert mir nun taeglich auf den Schirm. Wenn man
Unsicherheit in grossem Stil verbreiten will, braucht man nur aus
jeder Organisation die groessten Nervoeslinge zu nehmen und sie
in einem Sicherheitsmeeting zusammenfassen. Dann laesst man sie
woechentlich tagen und taegliche Bulletins an alle per mail schicken.
Der Erfolg wird durchschlagend sein. Binnen kurzem werden die ruhigsten
Leute nervoes, obwohl sich an der tatsaechlichen Lage nichts geaendert
hat. Dafuer sind dann die Chefs auf der sicheren Seite, weil sie
alles zur Warnung, Frueherkennung usw. unternommen haben.
Seit gestern wird an 3 Stellen um Herat gekaempft. Einige kleinere
Warlords wollen dem grossen Ismael Khan ans Leder. Ist alles noch
mindestens 30 km weg. Dafuer gibt`s eine Friedensdemo in der Stadt.
Aufgerufen hat Ismael Khan. Alle Hilfsorganisationen bleiben vorsorglich
zu Hause - wir auch.
Auslieferungsfahrten der Baumaterialien koennen wir ohnehin nicht
machen. Dann mache ich halt ein bisschen Innendienst.
Wer nach Herat will, muss durch 10 km Flachland vor der Stadt. Dort
gibt es keinerlei Deckung gegen die Herater Panzer und erst recht
keine gegen die US Air Force. Bei ersteren weiss man allerdings
nicht sicher, auf wessen Seite sie stehen. Die werden wohl kaum
vergessen haben, wie sie im Maerz hier unter die Raeder gekommen
sind. Und bei der Air Force waere es gut zu wissen, ob die Ismael
Khan ueberhaupt schuetzen wollen. Alles klar? Alles verstanden?
Gut! Ich naemlich nicht.
Gruesse vom Hindukusch
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