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Lage in Herat
17.08.2004

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17.08.2004 » Michael

Plötzlich steht gestern Salem in meinem Wohnzimmer während der Mittagspause und stammelt etwas von vorrückenden feindlichen Truppen. Die UN hat angeblich alle Büros geschlossen und es sei mit der Einnahme der Stadt zu rechnen. Währenddessen kämpfe ich mit widerspenstigen Spaghetti und versuche einen Sinn in dieses Gefasel zu bekommen. Nach dem Essen fällt der übliche Kaffee aus und ich begebe mich sofort ins Büro.

Djawit hat inzwischen prophylaktisch den ... -Aufkleber von der Frontscheibe unseres Kleinbusses entfernt und der Rest der Truppe kakelt durcheinander. Mit ein paar Telefonaten versuchen wir, ein halbwegs vernünftiges Lagebild zu bekommen.
Die UN hat tatsächlich alles geschlossen und es gibt Strassensperren in der Stadt. Angeblich bewegt sich ein feindlicher Provinzfürst auf Herat zu. Die Ausfallstrassen sind zu. Ich schicke Djawit mit dem Bus los, um unsere Leute aus dem Lagerhaus in der Nähe des Flughafens herauszuholen und nach Hause zu schaffen. Nach 10 Minuten ist er zurück und erklärt, dass man dorthin nicht durchkomme.
Er zittert am ganzen Leib. Ist vermutlich nicht über die nächste Kreuzung hinausgekommen, dieser Hosenscheisser. Mirwais-ein anderer Fahrer-nimmt ihm einfach die Schlüssel weg und fährt selbst los. Nach einer halben Stunde ist er zurück und hat die Leute geholt. Ich schicke alle nach Hause. Hat alles hier eh keinen Zweck mehr heute. Die Leute weigern sich aber, mit unseren weißen Toyotas zu fahren. Die UN hat es untersagt. Ich biete an, selbst zu fahren. Das bringt aber auch nichts. Die pure Angst. Sie wissen noch nicht mal genau, wovor sie
eigentlich Angst haben. Das nennt man dann wohl Hysterie. Irgendwie bekomme ich den Haufen vom Hof und es zieht endlich Ruhe ein.
Von 9 Leuten haben genau 3 die Ruhe bewahrt und sich und andere nicht verrückt gemacht.
Als alle weg sind, setze ich erst mal die üblichen E-mails nach Kabul ab. Vom Dach aus ist nach wie vor nichts Ungewöhnliches zu sehen oder zu hören. Das kann ja alles wohl nicht so schlimm sein.

Da jetzt Ruhe herrscht, kann ich das erste Mal die Sache in Ruhe durchdenken. Wir haben keine harten Fakten, keine glaubwürdigen Informationen. Es kann eigentlich nicht sein, dass ein durchgeknallter Gebirgscowboy mit seinen Gefolgsleuten eine so grosse Stadt einnimmt
oder auch nur ernsthaft angreift. Selbst wenn - hier gibt es neben Ismael Khans Privatarmee auch noch eine reguläre Division der alten Armee und am Flughafen ein Bataillon der neuen Armee. Außerdem haben wir an die 80 amerikanische Soldaten, die sofort die Air Force rufen können und das sicherlich auch tun werden, bevor sie sich die Stiefel beschmutzen.

Die Stadt steht loyal zu Ismael Khan. Ein Angriff auf die Stadt ist unter diesen Umständen glatter Selbstmord. Kabul und die Amerikaner würden es auch nie zulassen, dass irgend jemand kurz vor den geplanten Präsidentenwahlen in der zweitgrößten Stadt des Landes in großem Stil herumballert. Die Wahlen haben gefälligst ordentlich über die Bühne zu gehen. Georg W. Bush & Co wollen es so.

Wer nach Herat will, muß zuvor durch mehr als 10 km Flachland. Dort packen ihn entweder die US Air Force oder die Herater Panzerdivision oder beide. Es geht einfach nicht. Jedenfalls nicht mit dem, was diese Wüstensöhne aus dem Süden aufbieten können. Das sind zähe Burschen, die aber außer ihrer Kalaschnikow und dem Toyota Pick Up nichts besitzen.

Mein Computer füllt sich inzwischen mit weiteren Chaos-Meldungen und Aufforderungen zur sofortigen Evakuierung. Das Kabuler ... -Büro dreht nun auch noch durch.
Mit der Evakuierung haben die mich im März hier schon mal zum Clown der Gemeinde gemacht. Das passiert mir nicht noch mal. Damals erhielt ich mitten im tiefsten Frieden die Anordnung zur sofortigen Evakuierung und lief am Flughafen den Rückkehrern in die Arme - peinlich!
Den Evakuierungsbefehl schmettere ich mit einer fadenscheinigen, aber von Kabul aus nicht überprüfbaren Begründung ab.

Dann folgen 2 Tage Nichtstun und anschließend ist Wochenende.
In Herat wurde natürlich nicht gekämpft. 50 km südlich muss es aber hoch hergegangen sein. Um die 60 Tote. Nur die BBC berichtet einmal kurz darüber. Vor dem Irak verblasst alles.

Als ich nachts vom Skat in ... durch die Stadt zurückfahre, stehen an jeder Kreuzung bewaffnete Einwohner. Anhalten, Scheibe runterkurbeln, Lächeln, höfliche Begrüßung auf persisch, Blick in die Mündung, grinsen und hoffen dass der Typ keinen nervösen Zeigefinger hat.

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