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Plötzlich
steht gestern Salem in meinem Wohnzimmer während der Mittagspause
und stammelt etwas von vorrückenden feindlichen Truppen. Die
UN hat angeblich alle Büros geschlossen und es sei mit der
Einnahme der Stadt zu rechnen. Währenddessen kämpfe ich
mit widerspenstigen Spaghetti und versuche einen Sinn in dieses
Gefasel zu bekommen. Nach dem Essen fällt der übliche
Kaffee aus und ich begebe mich sofort ins Büro.
Djawit hat inzwischen prophylaktisch den ... -Aufkleber von der
Frontscheibe unseres Kleinbusses entfernt und der Rest der Truppe
kakelt durcheinander. Mit ein paar Telefonaten versuchen wir, ein
halbwegs vernünftiges Lagebild zu bekommen.
Die UN hat tatsächlich alles geschlossen und es gibt Strassensperren
in der Stadt. Angeblich bewegt sich ein feindlicher Provinzfürst
auf Herat zu. Die Ausfallstrassen sind zu. Ich schicke Djawit mit
dem Bus los, um unsere Leute aus dem Lagerhaus in der Nähe
des Flughafens herauszuholen und nach Hause zu schaffen. Nach 10
Minuten ist er zurück und erklärt, dass man dorthin nicht
durchkomme.
Er zittert am ganzen Leib. Ist vermutlich nicht über die nächste
Kreuzung hinausgekommen, dieser Hosenscheisser. Mirwais-ein anderer
Fahrer-nimmt ihm einfach die Schlüssel weg und fährt selbst
los. Nach einer halben Stunde ist er zurück und hat die Leute
geholt. Ich schicke alle nach Hause. Hat alles hier eh keinen Zweck
mehr heute. Die Leute weigern sich aber, mit unseren weißen
Toyotas zu fahren. Die UN hat es untersagt. Ich biete an, selbst
zu fahren. Das bringt aber auch nichts. Die pure Angst. Sie wissen
noch nicht mal genau, wovor sie
eigentlich Angst haben. Das nennt man dann wohl Hysterie. Irgendwie
bekomme ich den Haufen vom Hof und es zieht endlich Ruhe ein.
Von 9 Leuten haben genau 3 die Ruhe bewahrt und sich und andere
nicht verrückt gemacht.
Als alle weg sind, setze ich erst mal die üblichen E-mails
nach Kabul ab. Vom Dach aus ist nach wie vor nichts Ungewöhnliches
zu sehen oder zu hören. Das kann ja alles wohl nicht so schlimm
sein.
Da jetzt Ruhe herrscht, kann ich das erste Mal die Sache in Ruhe
durchdenken. Wir haben keine harten Fakten, keine glaubwürdigen
Informationen. Es kann eigentlich nicht sein, dass ein durchgeknallter
Gebirgscowboy mit seinen Gefolgsleuten eine so grosse Stadt einnimmt
oder auch nur ernsthaft angreift. Selbst wenn - hier gibt es neben
Ismael Khans Privatarmee auch noch eine reguläre Division der
alten Armee und am Flughafen ein Bataillon der neuen Armee. Außerdem
haben wir an die 80 amerikanische Soldaten, die sofort die Air Force
rufen können und das sicherlich auch tun werden, bevor sie
sich die Stiefel beschmutzen.
Die Stadt steht loyal zu Ismael Khan. Ein Angriff auf die Stadt
ist unter diesen Umständen glatter Selbstmord. Kabul und die
Amerikaner würden es auch nie zulassen, dass irgend jemand
kurz vor den geplanten Präsidentenwahlen in der zweitgrößten
Stadt des Landes in großem Stil herumballert. Die Wahlen haben
gefälligst ordentlich über die Bühne zu gehen. Georg
W. Bush & Co wollen es so.
Wer nach Herat will, muß zuvor durch mehr als 10 km Flachland.
Dort packen ihn entweder die US Air Force oder die Herater Panzerdivision
oder beide. Es geht einfach nicht. Jedenfalls nicht mit dem, was
diese Wüstensöhne aus dem Süden aufbieten können.
Das sind zähe Burschen, die aber außer ihrer Kalaschnikow
und dem Toyota Pick Up nichts besitzen.
Mein Computer füllt
sich inzwischen mit weiteren Chaos-Meldungen und Aufforderungen
zur sofortigen Evakuierung. Das Kabuler ... -Büro dreht nun
auch noch durch.
Mit der Evakuierung haben die mich im März hier schon mal zum
Clown der Gemeinde gemacht. Das passiert mir nicht noch mal. Damals
erhielt ich mitten im tiefsten Frieden die Anordnung zur sofortigen
Evakuierung und lief am Flughafen den Rückkehrern in die Arme
- peinlich!
Den Evakuierungsbefehl schmettere ich mit einer fadenscheinigen,
aber von Kabul aus nicht überprüfbaren Begründung
ab.
Dann folgen 2 Tage Nichtstun und anschließend ist Wochenende.
In Herat wurde natürlich nicht gekämpft. 50 km südlich
muss es aber hoch hergegangen sein. Um die 60 Tote. Nur die BBC
berichtet einmal kurz darüber. Vor dem Irak verblasst alles.
Als ich nachts vom Skat in ... durch die Stadt zurückfahre,
stehen an jeder Kreuzung bewaffnete Einwohner. Anhalten, Scheibe
runterkurbeln, Lächeln, höfliche Begrüßung
auf persisch, Blick in die Mündung, grinsen und hoffen dass
der Typ keinen nervösen Zeigefinger hat.
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