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Lage in Herat
25.03.2004

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25.03.2004 » Frankfurter Allgemeine Zeitung
            
Nr.72 / Seite 6

Afghanistan
Die blutigen Kabalen von Herat
Von Ahmad Taheri
, 24. März 2004
Seit dem Abzug der Taliban im Jahr 2001 aus der Stadt Herat im Westen Afghanistans galt die gleichnamige Provinz als ein Hort des Friedens und der Stabilität. Dafür sorgte Ismael Khan, der mächtigste aller Provinzherren am Hindukusch. Doch vor ein paar Tagen wurde die historische Stadt von blutigen Kämpfen erschüttert. Die Milizionäre von Ismael Khan und die Soldaten der neugegründeten Nationalarmee, die auch in Herat stationiert ist, lieferten sich blutige Gefechte mit schweren Waffen. Zwischen 60 und 100 Menschen sollen den Kämpfen zum Opfer gefallen sein.
Hervorgerufen wurden die Kämpfe durch einen Raketenanschlag auf Mirweis Sadeq, den ältesten Sohn von Ismael Khan. Sadeq, der im Kabinett von Hamid Karzai das Ministerium für zivile Luftfahrt und Tourismus leitete, war anläßlich des Norusfestes zu Besuch bei seinem Vater. Der genaue Hergang des Attentats ist noch nicht ganz geklärt. Doch aus den vorliegenden Berichten ergibt sich das folgende Bild: Am Nachmittag des Sonntags hörte Ismael Khan in Bagh-e Melat, dem "Garten des Volkes", einer Parkanlage, die er hatte errichten lassen, einer Dichterlesung zu. Plötzlich eröffneten drei Attentäter mit der Kalaschnikow das Feuer auf den Emir, wie der Gouverneur von Herat von der Bevölkerung genannt wird. Zwei Leibwächter des Khans kamen ums Leben, er selbst blieb aber unverletzt. Einer der Angreifer, der verhaftet wurde, gestand, er habe auf Geheiß von General Sahir Nayebsadeh gehandelt. Nayebsadeh ist der Kommandant der 17. Division der Nationalarmee. Kurz darauf begab sich Sadeq, der Sohn des Khans, in Begleitung des Sicherheitschefs von Herat und des Leiters der Drogenbekämpfung in einem Auto zum Hauptquartier von Nayebsadeh, um ihn zur Rede zu stellen. Sie hatten das Gebäude noch nicht erreicht, da wurden sie von einem Granatenwerfer beschossen. Alle Insassen des Wagens waren gleich tot.

Blutrache unverzichtbar
Kaum hatte sich die Nachricht in Herat verbreitet, brachen schwere Gefechte zwischen den kampferprobten Männern des Khans, von denen viele Veteranen des heiligen Kriegs gegen die sowjetische Besatzungsmacht sind, und den neu rekrutierten Soldaten der Nationalarmee aus. Auf den Straßen hätten Leichen gelegen, erzählten Augenzeugen. Aus den Kämpfen gingen die Kämpfer des Khans als Sieger hervor. Sie nahmen die Garnison der Nationalarmee und das Hauptquartier des Kommandanten General Nayebsadeh ein. Nayebsadeh floh mit einigen seiner Männer nach Karruch, sechzig Kilometer nördlich von Herat, wo er sich seitdem verschanzt hat.
Mirweis Sadeq ist der dritte Minister Karzais, der seit dem Dezember 2001 einen gewaltsamen Tod starb. Eine ranghohe Delegation aus Kabul, geleitet von Verteidigungsminister Mohammad Ghazem Fahim und von Innenminister Ahmad Ali Dschalali, begab sich am Montag nach Herat, um, wie es heißt, "den Fall zu untersuchen". Aus seinem Stützpunkt in Karruch ließ Nayebsadeh die Delegation wissen, er sei bereit, sich in Kabul mit dem Khan zusammenzusetzen, um die Sache zu bereinigen. Doch eine Zusammenkunft mit dem "Mörder meines Sohnes" lehnte der Khan kategorisch ab. Die Regierung solle den Mörder bestrafen, forderte er, "sonst werde ich selbst tätig werden". Ismael Khan weiß nur zu genau, daß er den Angreifer zur Rechenschaft ziehen muß, weil in Afghanistan, wo die Blutrache eine Sache der Ehre ist, ein Verzicht auf Vergeltung seinem Ansehen unwiderruflich schaden würde.


Undankbarkeit nicht vergessen
Inzwischen beschäftigt die Bevölkerung die Frage, ob der mißglückte Anschlag auf den Khan und die Ermordung seines Sohnes möglicherweise nicht das persönliche Werk eines ehrgeizigen Militärs war, sondern auf Geheiß der Feinde des Khans in Kabul geschah. "Tod dem Terrorismus und seinen Hintermännern" skandierte die aufgebrachte Menge am Montag in Herat. Gewiß hat General Nayebsadeh stets eine persönliche Abneigung gegen den mächtigen Emir gehegt. Als Ismael Khan im Triumph nach Herat zurückkehrte, hatte Nayebsadeh, ein Mudschahed, also ein Kämpfer gegen die sowjetische Besatzung, ihm mit seinen Männern den Weg gebahnt. Beide Männer sind Tadschiken und gehören zur islamistischen "Dschamiat-e Islami", deren Führer der einstige Staatschef Professor Burhanuddin Rabbani ist. Doch nachdem der Emir fest auf seinem "Thron" saß, vergaß er seinen früheren Mitstreiter und versäumte es, ihn mit einem wichtigen Posten in seiner Provinz zu belohnen. Die Undankbarkeit des Khans vergaß Nayebsadeh nicht. Öfter soll es zwischen den beiden Männern zu Wortgefechten gekommen sein.
In Kabul wußte man inzwischen über die Animositäten zwischen den beiden Männern Bescheid. Um die Macht des Emirs in Herat, der reichsten Provinz in Afghanistan, einzuschränken, ernannte Karzai General Nayebsadeh zum Kommandeur der 7. Division in Herat. Ismael Khan, der zuvor auch die militärische Macht innehatte, mußte sich nun mit dem Amt des Gouverneurs zufriedengeben. Doch der erfahrene Kriegsmann wußte, daß die Macht "aus den Gewehrläufen kommt". Er weigerte sich, seine ihm treu ergebenen Milizen entwaffnen zu lassen. Weiterhin hatten die Männer des Khans in Herat das Sagen. Der frischgebackene Kommandant Nayebsadeh hatte nicht mehr als eine symbolische Macht. Hinzu kam, daß er von dem Khan, der jährlich etwa 200 Millionen Dollar aus den Zollgebühren für die Waren aus Iran, den Arabischen Emiraten und aus Turkmenistan kassiert, kurzgehalten wurde.


Zu groß für zentralistische Pläne
Wäre der Anschlag auf den Khan im "Garten des Volkes" gelungen, hätte die Zentralregierung in der Hauptstadt eine Sorge weniger gehabt. Hamid Karzai hat in den letzten Monaten mit einigem Geschick die Macht der Provinzherren eingeschränkt. Einige von ihnen wurden in Kabul mit Ministerposten zufriedengestellt, wie etwa Gulagha Schirzoi, einst der mächtige paschtunische Herrscher in Kandahar. In den Norden, dessen Bevölkerung sich aus Tadschiken und Usbeken zusammensetzt, schickte Karzai als Militärkommandanten einen paschtunischen General aus Kandahar. So deutet einiges darauf hin, daß mit einer gewissen "Paschtunisierung" der Zentralmacht der tadschkische Einfluß langsam abgebaut werden sollte. Das gleiche galt für die Provinz Herat.
Doch der tadschikische Haudegen, der bei der Bevölkerung der Provinz trotz seiner islamistischen Marotten sehr beliebt ist, ist eine Nummer zu groß für die zentralistischen Pläne der Hauptstadt. Alle Versuche, dem Emir sein Reich zu entreißen, sind erfolglos geblieben. Der Khan, wie von offiziellen Stellen zu vernehmen ist, war in den letzten Wochen in Kabul und traf sich mehrmals mit Karzai. Diskutiert wurde das künftige Verhältnis von Herat zur Zentralregierung und die Aufteilung der lukrativen Zollgebühren. Die Regierung verdächtigt nämlich Ismael Khan, nur einen Bruchteil seiner Einnahmen an Kabul abzuführen. Gesprochen wurde auch über eine mögliche Versetzung von Ismael Khan in eine andere Provinz.


Gefahr eines Bürgerkriegs
Zalmay Khalilzad, der amerikanische Botschafter, sagte am vergangenen Samstag, er habe den Khan gefragt, ob er nicht Interesse hätte, einen wichtigen Posten im Kabinett von Karzai zu übernehmen, doch das habe der Gouverneur von Herat entschieden von sich gewiesen. Seit langem ist den Amerikanern der Emir von Herat ein Dorn im Auge. Seine zunehmende Frömmigkeit und seine engen Beziehungen zu den Ajatollahs in Teheran sind ihnen mehr als suspekt. Am Dienstag wurde der Sohn von Ismael Khan in Herat beigesetzt. Eine dreitägige öffentliche Trauer wurde angeordnet. Die Männer des Emirs kontrollieren die Stadt. Der Khan hat einen Sohn verloren, aber er hat an Macht gewonnen.
Doch die blutigen Kabalen in Herat sind noch lange nicht zu Ende. 1500 Soldaten der Nationalarmee wurden am Montag in Richtung Herat in Marsch gesetzt, "um Frieden zu stiften", wie ihr Kommandeur am Kabuler Flughafen erklärte. Die von den Amerikanern auf die Beine gestellte Nationalarmee steckt in einem Dilemma. Versucht man, die Autorität des Militärs in der Provinz Herat wiederherzustellen, läuft man Gefahr, mit den Männern von Ismael Khan, die zur Zeit vom Geist der Rache beseelt sind, aneinanderzugeraten, was zu einem Bürgerkrieg führen würde. Kehrt die Einheit aber unverrichteter Dinge in die Hauptstadt zurück, ist das eine Blamage für Karzai und seine Zentralregierung.

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