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Afghanistan
Die blutigen Kabalen von Herat
Von Ahmad Taheri ,
24. März 2004
Seit dem Abzug der Taliban im Jahr 2001 aus der Stadt Herat im Westen
Afghanistans galt die gleichnamige Provinz als ein Hort des Friedens
und der Stabilität. Dafür sorgte Ismael Khan, der mächtigste
aller Provinzherren am Hindukusch. Doch vor ein paar Tagen wurde
die historische Stadt von blutigen Kämpfen erschüttert.
Die Milizionäre von Ismael Khan und die Soldaten der neugegründeten
Nationalarmee, die auch in Herat stationiert ist, lieferten sich
blutige Gefechte mit schweren Waffen. Zwischen 60 und 100 Menschen
sollen den Kämpfen zum Opfer gefallen sein.
Hervorgerufen wurden die Kämpfe durch einen Raketenanschlag
auf Mirweis Sadeq, den ältesten Sohn von Ismael Khan. Sadeq,
der im Kabinett von Hamid Karzai das Ministerium für zivile
Luftfahrt und Tourismus leitete, war anläßlich des Norusfestes
zu Besuch bei seinem Vater. Der genaue Hergang des Attentats ist
noch nicht ganz geklärt. Doch aus den vorliegenden Berichten
ergibt sich das folgende Bild: Am Nachmittag des Sonntags hörte
Ismael Khan in Bagh-e Melat, dem "Garten des Volkes",
einer Parkanlage, die er hatte errichten lassen, einer Dichterlesung
zu. Plötzlich eröffneten drei Attentäter mit der
Kalaschnikow das Feuer auf den Emir, wie der Gouverneur von Herat
von der Bevölkerung genannt wird. Zwei Leibwächter des
Khans kamen ums Leben, er selbst blieb aber unverletzt. Einer der
Angreifer, der verhaftet wurde, gestand, er habe auf Geheiß
von General Sahir Nayebsadeh gehandelt. Nayebsadeh ist der Kommandant
der 17. Division der Nationalarmee. Kurz darauf begab sich Sadeq,
der Sohn des Khans, in Begleitung des Sicherheitschefs von Herat
und des Leiters der Drogenbekämpfung in einem Auto zum Hauptquartier
von Nayebsadeh, um ihn zur Rede zu stellen. Sie hatten das Gebäude
noch nicht erreicht, da wurden sie von einem Granatenwerfer beschossen.
Alle Insassen des Wagens waren gleich tot.
Blutrache
unverzichtbar
Kaum hatte sich die Nachricht
in Herat verbreitet, brachen schwere Gefechte zwischen den kampferprobten
Männern des Khans, von denen viele Veteranen des heiligen Kriegs
gegen die sowjetische Besatzungsmacht sind, und den neu rekrutierten
Soldaten der Nationalarmee aus. Auf den Straßen hätten
Leichen gelegen, erzählten Augenzeugen. Aus den Kämpfen
gingen die Kämpfer des Khans als Sieger hervor. Sie nahmen
die Garnison der Nationalarmee und das Hauptquartier des Kommandanten
General Nayebsadeh ein. Nayebsadeh floh mit einigen seiner Männer
nach Karruch, sechzig Kilometer nördlich von Herat, wo er sich
seitdem verschanzt hat.
Mirweis Sadeq ist der dritte Minister Karzais, der seit dem Dezember
2001 einen gewaltsamen Tod starb. Eine ranghohe Delegation aus Kabul,
geleitet von Verteidigungsminister Mohammad Ghazem Fahim und von
Innenminister Ahmad Ali Dschalali, begab sich am Montag nach Herat,
um, wie es heißt, "den Fall zu untersuchen". Aus
seinem Stützpunkt in Karruch ließ Nayebsadeh die Delegation
wissen, er sei bereit, sich in Kabul mit dem Khan zusammenzusetzen,
um die Sache zu bereinigen. Doch eine Zusammenkunft mit dem "Mörder
meines Sohnes" lehnte der Khan kategorisch ab. Die Regierung
solle den Mörder bestrafen, forderte er, "sonst werde
ich selbst tätig werden". Ismael Khan weiß nur zu
genau, daß er den Angreifer zur Rechenschaft ziehen muß,
weil in Afghanistan, wo die Blutrache eine Sache der Ehre ist, ein
Verzicht auf Vergeltung seinem Ansehen unwiderruflich schaden würde.
Undankbarkeit
nicht vergessen
Inzwischen beschäftigt die
Bevölkerung die Frage, ob der mißglückte Anschlag
auf den Khan und die Ermordung seines Sohnes möglicherweise
nicht das persönliche Werk eines ehrgeizigen Militärs
war, sondern auf Geheiß der Feinde des Khans in Kabul geschah.
"Tod dem Terrorismus und seinen Hintermännern" skandierte
die aufgebrachte Menge am Montag in Herat. Gewiß hat General
Nayebsadeh stets eine persönliche Abneigung gegen den mächtigen
Emir gehegt. Als Ismael Khan im Triumph nach Herat zurückkehrte,
hatte Nayebsadeh, ein Mudschahed, also ein Kämpfer gegen die
sowjetische Besatzung, ihm mit seinen Männern den Weg gebahnt.
Beide Männer sind Tadschiken und gehören zur islamistischen
"Dschamiat-e Islami", deren Führer der einstige Staatschef
Professor Burhanuddin Rabbani ist. Doch nachdem der Emir fest auf
seinem "Thron" saß, vergaß er seinen früheren
Mitstreiter und versäumte es, ihn mit einem wichtigen Posten
in seiner Provinz zu belohnen. Die Undankbarkeit des Khans vergaß
Nayebsadeh nicht. Öfter soll es zwischen den beiden Männern
zu Wortgefechten gekommen sein.
In Kabul wußte man inzwischen über die Animositäten
zwischen den beiden Männern Bescheid. Um die Macht des Emirs
in Herat, der reichsten Provinz in Afghanistan, einzuschränken,
ernannte Karzai General Nayebsadeh zum Kommandeur der 7. Division
in Herat. Ismael Khan, der zuvor auch die militärische Macht
innehatte, mußte sich nun mit dem Amt des Gouverneurs zufriedengeben.
Doch der erfahrene Kriegsmann wußte, daß die Macht "aus
den Gewehrläufen kommt". Er weigerte sich, seine ihm treu
ergebenen Milizen entwaffnen zu lassen. Weiterhin hatten die Männer
des Khans in Herat das Sagen. Der frischgebackene Kommandant Nayebsadeh
hatte nicht mehr als eine symbolische Macht. Hinzu kam, daß
er von dem Khan, der jährlich etwa 200 Millionen Dollar aus
den Zollgebühren für die Waren aus Iran, den Arabischen
Emiraten und aus Turkmenistan kassiert, kurzgehalten wurde.
Zu
groß für zentralistische Pläne
Wäre der Anschlag auf den
Khan im "Garten des Volkes" gelungen, hätte die Zentralregierung
in der Hauptstadt eine Sorge weniger gehabt. Hamid Karzai hat in
den letzten Monaten mit einigem Geschick die Macht der Provinzherren
eingeschränkt. Einige von ihnen wurden in Kabul mit Ministerposten
zufriedengestellt, wie etwa Gulagha Schirzoi, einst der mächtige
paschtunische Herrscher in Kandahar. In den Norden, dessen Bevölkerung
sich aus Tadschiken und Usbeken zusammensetzt, schickte Karzai als
Militärkommandanten einen paschtunischen General aus Kandahar.
So deutet einiges darauf hin, daß mit einer gewissen "Paschtunisierung"
der Zentralmacht der tadschkische Einfluß langsam abgebaut
werden sollte. Das gleiche galt für die Provinz Herat.
Doch der tadschikische Haudegen, der bei der Bevölkerung der
Provinz trotz seiner islamistischen Marotten sehr beliebt ist, ist
eine Nummer zu groß für die zentralistischen Pläne
der Hauptstadt. Alle Versuche, dem Emir sein Reich zu entreißen,
sind erfolglos geblieben. Der Khan, wie von offiziellen Stellen
zu vernehmen ist, war in den letzten Wochen in Kabul und traf sich
mehrmals mit Karzai. Diskutiert wurde das künftige Verhältnis
von Herat zur Zentralregierung und die Aufteilung der lukrativen
Zollgebühren. Die Regierung verdächtigt nämlich Ismael
Khan, nur einen Bruchteil seiner Einnahmen an Kabul abzuführen.
Gesprochen wurde auch über eine mögliche Versetzung von
Ismael Khan in eine andere Provinz.
Gefahr
eines Bürgerkriegs
Zalmay Khalilzad, der amerikanische
Botschafter, sagte am vergangenen Samstag, er habe den Khan gefragt,
ob er nicht Interesse hätte, einen wichtigen Posten im Kabinett
von Karzai zu übernehmen, doch das habe der Gouverneur von
Herat entschieden von sich gewiesen. Seit langem ist den Amerikanern
der Emir von Herat ein Dorn im Auge. Seine zunehmende Frömmigkeit
und seine engen Beziehungen zu den Ajatollahs in Teheran sind ihnen
mehr als suspekt. Am Dienstag wurde der Sohn von Ismael Khan in
Herat beigesetzt. Eine dreitägige öffentliche Trauer wurde
angeordnet. Die Männer des Emirs kontrollieren die Stadt. Der
Khan hat einen Sohn verloren, aber er hat an Macht gewonnen.
Doch die blutigen Kabalen in Herat sind noch lange nicht zu Ende.
1500 Soldaten der Nationalarmee wurden am Montag in Richtung Herat
in Marsch gesetzt, "um Frieden zu stiften", wie ihr Kommandeur
am Kabuler Flughafen erklärte. Die von den Amerikanern auf
die Beine gestellte Nationalarmee steckt in einem Dilemma. Versucht
man, die Autorität des Militärs in der Provinz Herat wiederherzustellen,
läuft man Gefahr, mit den Männern von Ismael Khan, die
zur Zeit vom Geist der Rache beseelt sind, aneinanderzugeraten,
was zu einem Bürgerkrieg führen würde. Kehrt die
Einheit aber unverrichteter Dinge in die Hauptstadt zurück,
ist das eine Blamage für Karzai und seine Zentralregierung.
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