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Lage in Herat
26.05.2004

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26.05.2004 (Reise zum Minarett "Jam") » Michael

Das erste Mal habe ich von diesem Bauwerk gehört, als ich beim ... anfing. Da gab es landeskundliche Materialien. Dort war schon die Rede von dem Minarett von Jam als einem der ungewöhnlichsten Dinge im Land überhaupt. Dieses Ding hat mich sofort fasziniert. Habe darum auch das Bild des Minaretts gekauft, welches heute in meiner Küche hängt. Zunächst gab es keine Chance, von Kabul aus dort hinzukommen. Dann wurde ich nach Herat versetzt und das war die Gelegenheit. Ein bißchen Glück, ein bißchen langfristige Planung, ein bißchen Entschluß im richtigen Moment, ein bißchen die richtigen Drahtzieher.
Und nun haben wir es gepackt. Es ist ein simpler Turm. Allerdings ist er um die 600 Jahre alt. Als das Minarett gebaut wurde, war es der zweithöchste Turm der Welt. Die ornamentale Gestaltung ist beeindruckend. Das findet man in dieser Form nicht sehr oft in diesem Alter. Der eigentliche Punkt für das heutige Interesse ist, das dieses Minarett im absoluten Nichts steht. So ein Bauwerk gehört nach aller Erfahrung in die Hauptstadt eines großen Reiches. Es ist über die Erbauer nichts bekannt. Es ist auch nichts über ein Reich in dieser Gegend in dieser Zeit bekannt. Schlicht gar nichts. Die ganze Umgebung riecht auch nicht nach "großem Reich". Da fehlen alle Voraussetzungen, wie z.B. fruchtbares Land, Verkehrswege, Bevölkerung, Transitwege, umliegende Bauwerke ähnlichen Kalibers u.v.a.m. So ein Bauwerk erfordert eine solide Zahl von Arbeitskräften. Darunter viele Gelernte. Dazu braucht man einen Baumeister. Und da dieses Minarett zur Sonderklasse gehört, dürfte wohl auch der Baumeister zu derselben gehören. Die Namen sind normalerweise bekannt. Hier nicht. So eine große Zahl von Bauarbeitern will verpflegt sein. Das Baumaterial muss antransportiert werden. Und irgend jemand muss das ganze Unternehmen bezahlen. Und einen gewissen Zweck damit verbinden. Über all das weiß man nichts.
Das Minarett ist zum ersten Mal in den Vorstellungsraum der Westeuropäer gerückt, als sich 1943 ein Militärflieger verirrte und auf dem Wege dann ein Foto machte. Militärisch war mit dieser Information natürlich wenig anzufangen, aber -immerhin - es wurde nicht vergessen. Obwohl man 1943 vermutlich jede Menge anderer Sorgen hatte. Sowohl die Geschichte Afghanistans seit 1943 als auch die spezielle geographische Lage des Minaretts waren nicht dazu angetan, größere Heerscharen von Wissenschaftlern einfliegen zu lassen. Man kommt wirklich nicht leicht dorthin. Auch heute noch. Übrigens hörten wir überall von italienischen Archäologen, die dort angeblich buddeln sollen. Wir haben niemand gesehen.

Mittwoch früh sammelt sich unser Haufen ... in Herat. Wir sind da und hören, dass nun noch ein Distriktspolizeichef mit uns zusammen in sein Heimatnest fahren soll. Leider hat der Bursche noch nicht gefrühstückt. Es wird also noch dauern. Wir können nicht ohne "unsere Vertragspartner" losfahren. Wir müssen warten. Sehe ich ein. Die müssen warten. Ich aber nicht.
Kurzer Blick zu Armin. Der hat auch keine Lust zu warten und in zwei Minuten sind unsere beiden Autos vom Hof. Vielleicht holen uns die anderen ja ein. Wenn nicht, auch kein Problem. Wir müssen nicht zusammen fahren. Es macht richtig Spaß. Ich habe Armin für sein Auto ein Funkgerät gegeben und wir bedaddeln uns manchmal aus Jux: Aufpassen! Blitzerfalle. An der nächsten Tankstelle essen wir ein Eis.

Die Diesel laufen und wir holpern nach Osten, beladen mit allem erdenklichem Zeug. Wir haben uns natürlich auch überlegt, welche Gastgeschenke wir den Leuten da oben in den Bergen mitbringen könnten. Eine Flasche Wodka o.ä. scheidet aus religiösen Gründen aus. Auch wenn es manche gerne hätten. Ein elektrischer Rasierapparat ist wohl so ziemlich die blödeste Idee in solcher Gegend. Keiner hat Strom und alle tragen Bart. Schokolade wäre okay, bekommt man aber wegen der Hitze nicht heil bis zum Empfänger. Irgend jemand kam auf die Idee, den Leuten doch einfach Fotos zu machen. Ich fand die Idee gut und bekam sie prompt von der Truppe voll verantwortlich übergeholfen. Folgerichtig habe ich Generator, Computer und Drucker im Gepäck. Dazu Kabel, Papier, Werkzeug usw. Nach wenigen Kilometern müssen wir kurz halten, weil zur Fixierung unseres Gepäcks Gurte, Seile, Strippen usw. gezogen werden müssen. Abstand der beiden Wagen nie unter 2 km. Wegen der Staubwolke.
Ein 10-Minuten-Picknick wird über Funk verabredet. Das Ziel ist heute nicht erreichbar. Das wissen wir. Also, mal sehen, wie weit wir kommen.

Die Berge werden höher und die Schluchten enger. Ich muß zu meinem Entsetzen feststellen, daß meine Höhenkrankheit wieder ein ganzes Stück schlimmer geworden ist. Solange ich am Steuer sitze, geht das alles noch irgendwie. Wenn ich auf dem Beifahrersitz hocke, wird es zur Katastrophe. Ich beiße mir bei den kleinsten Hügeln auf die Lippen, nur um den Fahrer nicht völlig grundlos anzubrüllen. Denn rational gesehen fährt der recht ordentlich. Höhenkrankheit ist aber nicht rational. Ein umgestürzter Lkw blockiert die Straße. Alles heftig bergig.

Es gibt noch eine, seit Jahren kaum benutzte Umgehungsstraße und ein paar Afghanen bestürmen uns nun, doch dort lang zu fahren. Die haben eine alte kranke Frau bei sich und diese Frau sollen wir nun mitnehmen, weil sie die Umgehung selbst nicht fahren können mit ihrem Wagen. Diese "Umgehungstrasse" ist mehr so ein Viehpfad. Aus mir unbekannten Gründen haben Esel nicht dieselbe Spurweite wie dieser Landcruiser. Im Handbuch jeder Hilfsorganisation gibt es ein größeres Kapitel "Fahren in fremden Ländern". Dort stehen so fundamentale Wahrheiten, wie z.B. "Ersatzrad mitführen", oder "Route vorher planen". Es steht immer auch
drin, dass man auf keinen Fall Anhalter mitnehmen soll. Generell hat diese Regel schon einen Sinn. Es sind da dumme Dinge vorgekommen. Wenn Du dann irgendwo stehst, und Dich ein steinalter Einheimischer verzweifelt anguckt, weil Du mit dem bärenstarken Wagen seine letzte Hoffnung für den Transport seiner kranken Frau bist, dann muß man Regeln auch mal frei interpretieren können. Im Klartext: Über Bord schmeißen. Wir nehmen die Alte also mit. Ihr Mann und noch jemand steigen dazu. Armin (höhenfest und Afrika-erfahren) geht mit seinem Wagen vor und steht irgendwann oben auf dem Berg und erzählt mir über Funk, dass es eine recht heftige Angelegenheit sei. Trotz 4-Rad-Antrieb und Differentialsperre. Man müsse da mal in der engen Bergkehre zurücksetzen und dann noch mal neu ... Mir stehen alle Haare zu Berge. Da soll ich nun hoch? Mit 5 Leuten im Wagen und reichlich Gepäck? Also, ab geht's. Um die Geschichte mal kurz zu machen: Wir haben es alle geschafft und auch die alte Frau dort abgeliefert, wo sie hinsollte. Ich habe am Ende auf die Motorhaube gekotzt und mir haben die Knie gezittert. Aber, wir haben es am Ende geschafft. Manchmal war es knapp.

18 Uhr. Wir finden ein Camp der UN. Langsam wird es dunkel. Für heute reicht's. Wir versuchen über Sat-Phone noch mehrfach den anderen Teil der Truppe zu erwischen. Die sind ja wohl hoffentlich auch noch irgendwann losgefahren. Klappt aber nicht. Zwischendurch versuche ich, meine Heide in D. zu erreichen, was auch nicht funktioniert. Zehn Minuten später versucht unser Dolmetscher wieder, die andere Hälfte der Gruppe zu erreichen. Dabei ist die Nummer von Heide immer noch im Telefon. Es ist wie in einem schlechten Film. Er hört eine deutsche Stimme, wirft mir das Telefon zu, brabbelt was von "Frauenstimme". Ich greife das Telefon und brülle "Mariam? Bist Du das?" Mariam arbeitet hier und gehört zu der Gruppe, die ich gerade per Telefon lokalisieren will. Da Mariam die einzige Frau in der Gruppe ist, weiß ich ja, wen ich am Telefon habe. Dachte ich jedenfalls. Ich höre nur noch: "Hier ist Heide! UND WER IST MARIAM?" Der Tonfall allein! Mein nachfolgendes Gestammel muss wirklich großartig gewesen sein.

Donnerstag morgen: Wir bekommen Funkverbindung zu der zurückgebliebenen Gruppe. Die wollen uns zum Warten unter allen Umständen überreden und trudeln dann tatsächlich zur verabredeten Zeit ein und wir nehmen die letzen 20 km gemeinsam. Macht etwa 2 Stunden.

Da die Schlucht eng wird, hat man Bach und Weg in eins gelegt. Es ist einfach nicht mehr Platz. Wir tuckeln in der untersten Untersetzung vor uns hin. Das klingt vielleicht entspannt, aber praktisch musst Du wie ein Schiesshund aufpassen. 4-Rad-Antrieb und Differentialsperre sind ohnehin ständig drin. Wenn ich nicht wüßte, daß hier schon jemand gefahren ist, würde ich es wohl für unmöglich halten. Wir zotteln durch eine Schlucht (im Bachbett), die deutlich schmaler als mein Wohnzimmer ist. Manchmal neigt sich der Wagen so, daß ich an den Griff des Handschuhfachs greife. Einfach nur, um halbwegs die Senkrechte zu halten. An einer Stelle stellt sich der Wagen so schräg, daß ich Angst bekomme, die Außenkante des Dachs an der Felswand zu ramponieren. Immerhin, man kann hier nirgendwo runterfallen. Wir sind ja schon unten. Keine Höhe. Nach endlosen Kurven, nachdem Du innerlich den Toyota schon um Verzeihung gebeten hast, nachdem Du nicht mehr genau weißt, was Du hier eigentlich machst ... biegst Du dann um die 597-igste Kurve und da steht es dann da. Das Minarett von Jam. Mitten im felsigen Nichts.
Ich reiße den Handfunk aus der Halterung und brülle hinein. Die anderen sind 1 oder 2 km hinter mir. "Wir sind daaaaaa" Es ist absolut erschlagend. Ein phantastisches Minarett, umgeben von der Einsamkeit der Berge und Flußrauschen. Nach stundenlanger Schüttelei steigst Du aus dem Auto und blickst auf dieses Ding. Es ist irgendwie auch ein Stück Traumerfüllung. Wir haben gemacht und getan und geplant und gehofft. Und jetzt sind wir da. Das Minarett steht genau am Ufer des Harirud. Das ist der größte Fluß in Afghanistan. Man könnte ja nun denken, dass es hier eine Straße gibt. Ist aber nicht so. Auf dem hiesigen Ufer gibt es gar nichts. Einfach kein Platz. Auf dem anderen Ufer einen Viehpfad. Ein Mini-Talkessel.

Mehr nicht Nach der endlosen Fahrerei legen wir erst mal ein ordentliches Essen ins Programm. Außerdem gibt es hier einen Lift über den Fluß. Im Klartext: Stahlseil und umfunktioniertes Eselsjoch. Mich hat dann der Deibel geritten und ich bin eingestiegen. Niemand sonst in der Nähe. Bis etwa zur Mitte des Flusses rutscht man ja von allein. Weil dort der tiefste Punkt ist. Von dort an mußt Du Dich selbst ziehen. Habe ich gemacht. Persönlicher Beitrag zum Kampf gegen die eigene Angst sozusagen. Als ich mich zum anderen Ufer gezogen hatte, bin ich dort vollkommen ausgepumpt angekommen. Ich wußte genau, daß ich es allein zurück wohl nicht schaffen würde. Dafür bekam ich ein paar erstaunte Blicke von Einheimischen, die sich später eingefunden haben. Die machen die Tour zwar jeden Tag, würden aber nicht auf die Idee kommen, das ganz alleine zu machen. Plötzlich wird es belebt an der Brücke. Ein bewaffneter Haufen auf Motorrädern ist angekommen. Die wollen alle rüber. Auch die Maschinen Es werden auch Ziegen auf diese Art befördert. Ziegen sind ein spezielles Thema. Da gibt es Viecher, denen diese Art der Beförderung zu gefallen scheint. Andere Exemplare mögen es nicht. Kann man beim Verladen deutlich merken. Wenn man sich die Ziege zum Anseilen zwischen die Beine klemmt, wollen einige auskeilen. Andere stehen ganz still. Bei der ganzen Aktion steht man auf einem Felsvorsprung von der Größe eines Aschenbechers und 5 m unter einem rast der Bergfluß dahin. Bei Ziegenböcken ist es extrem schwierig. Du mußt mit dem Ellenbogen den Kopf des Bocks unten halten. Wenn das nicht klappt, und das Tier den Kopf zurückwirft, ... ja, ich weiß ... Frauen finden das vielleicht lustig ... ich nicht. Nachdem ich ziemlich nach Ziege stank, wurde auch ich wieder von den hilfreichen Einheimischen auf das andere Ufer gezogen.

In das Minarett bin ich dann auch noch hinein gekrabbelt. Der Eingang war so etwa wie eine Hundetür. Aber beim Anblick der 600 Jahre alten Wendeltreppe war dann Ende der Fahnenstange. Die meisten von uns sind bis oben gekommen. Ich hatte einfach die Nase voll.

Mit uns ist wie gesagt, Mariam. Ende 20. Bildhübsches Mädchen. Gebürtige Afghanin. Selbst für hiesige Verhältnisse recht dunkelhäutig. Schwebt zwischen den Kulturen. Trägt die Haare meistens bedeckt, aber niemals Gesichtsschleier. Sie muß hier tagtäglich das Kunststück meistern, mit männlichen Würdenträgern zu reden und dabei glaubwürdig "rüber zu kommen", ohne sich allzu sehr selbst zu verbiegen. Ich kann vermutlich nicht mal ansatzweise verstehen, was das hier für eine Frau wie sie bedeutet. Die Welt der Frauen ist in diesem Land etwa so weit von mir entfernt wie der Mond. Sie meint, einen ganz brauchbaren Weg im persönlichen Umgang mit den Leuten hier (Männer) gefunden zu haben. Immerhin wird sie ernst genommen, und die (afgh.) Männer reden mit ihr. Soviel kann ich persönlich sehen. Das ist schon mal nicht wenig. Da gab es schon andere Fälle. Ich sehe aber auch die Blicke der Männer, wenn Mariam aus dem Auto steigt. Was sie weitgehend vermeidet. Es ist nicht einfach das Interesse an diesem Weib. Es ist mehr. Mariams Erscheinen ohne Schleier ist in dieser Gegend der definitive afghanische Pornofilm. Diese Männer haben, außer den nächsten Angehörigen, noch nie eine erwachsene Frau gesehen. Das ist - bei allem Bemühen und einiger Erfahrung im Umgang mit Fremdem - ein Punkt, der nur schwer in meinen Kopf geht. Ach ja, Mariam raucht auch noch und ist verheiratet. Ehemann ist in Deutschland. Der Gipfel. Das alles zusammen dürfte die Vorstellungswelt eines "tiefste-Provinz-Afghanen" doch um einiges überfordern. Aber die Jungs geben sich Mühe und es gibt keine unangenehmen Szenen. An einer Stelle hat sie den Bogen allerdings überspannt. Sie wollte mal mit einer Kalaschnikow schießen. Das haben unsere bewaffneten Begleiter abgelehnt. Die Ausrede war ziemlich primitiv. Wäre in dieser Gegend problemlos möglich. Aber, das geht nun mal einfach nicht.

Direkt am Minarett gibt es ein kleines Hotel. Errichtet mit Hilfe der EU. Dort übernachten wir. Geradezu goldig im Vergleich zu dem, was wir erwartet haben. Etwas abseits haben sich unsere uniformierten Begleiter postiert. Das Hotel ist ein kleines eingeschossiges Gebäude. Mittelgang, rechts und links die Zimmer. Ausstattung der Zimmer: Teppich und Matratze. Wenn 3 Matratzen im Zimmer liegen, zahlt man 20 $ pro Person, wenn es mehr sind nur 10. Rezeption und Frühstücksraum gibt es nicht. Gegessen wird landestypisch im Zimmer auf der Erde. Es gibt aber eine funktionierende Dusche mit WC. Wenn man rechtzeitig Bescheid sagt, wird der Kessel geheizt und man kann sogar warm duschen. Mittag kochen wir erst mal selbst aus Mitgebrachtem. Plötzlich wird uns klar, dass wir unseren Beschützer-Haufen nach hiesigem Verständnis ja auch noch verpflegen müssen. Wir schmeissen also alles in die Pfanne. Jetzt bewährt sich die vorangegangene Planung: Dietrich schmeißt den Gaskocher an. Ich habe ein großes Schneidebrett nebst Messer und Mariam setzt sich an die mitgebrachte Pfanne. Wir zaubern auf einem einzigen Gaskocher 5 Gänge. Da wir nur 5 Teller haben, muß recht schnell gegessen werden. Die anderen warten. Es gibt Truthahn aus der Büchse und 2 geschlachtete Hühner. Außerdem haben wir alle verfügbaren Sorten von Wurst kleingeschnitten und eine Büchse mit schwarzen Bohnen im Gepäck. Brot haben wir im Dorf besorgt. Am Ende sind alle satt.

Wir fahren zurück. In den Bergen läuft der Landcruiser richtig gut. Am Steuer zu sitzen, ist die beste Methode gegen Höhenangst. Ich gebe dem Affen Pfeffer. Überall bei der UN und anderen Organisationen wird heute Toyota gefahren. Muß eine Goldgrube für die Firma sein. Die englischen Kollegen haben da einfach einiges verschlafen. Die hätten es in der Hand gehabt. Nun aber nicht mehr. Das hätten sie vor 20 Jahren tun sollen. Landrover ist heute eine Marke für ein paar Individualisten. Toyota hat LR an die Wand gedrückt. Das letzte LR-Territorium ist Afrika. Der "Rest der Welt" ist fest in Toyota-Hand. Manche meiner lieben Kollegen scheinen noch keine Bergerfahrung zu haben. Die fahren mit 5m Abstand hintereinander eine Steigung hinauf. Himmelarschundwolkenbruch. Was machen die, wenn nun oben plötzlich ein Lkw um die Kurve biegt? Oder, wenn am ersten Wagen ein Defekt eintritt? Oder, wenn der Fahrer im ersten Wagen einfach zurückschalten will?

Leider ist Armin jetzt nicht mehr mit dabei. Er mußte weiter. Andere Straße. Armin fährt jetzt mitten in die Krise. Nach Chachcharan. Dorthin ist vorgestern der örtliche Häuptling aus unserem Nest (Jam) zu einem Meeting gefahren. Das scheint wohl nicht den gewünschten Verlauf genommen zu haben. Jedenfalls wurde er am Ende als Geisel dabehalten. Daraufhin haben seine Leute aus Jam dem Chef in Chachcharan ein Ultimatum gestellt: Du uns Boss freilassen oder du richtig Ärger. Die Leute, denen ich so nett beim Übersetzen ihrer Motorräder am Fluß geholfen habe, war die Miliz von dem Inhaftierten. Am Ende ist alles gut gegangen. Die Geisel wurde freigelassen. Niemand verletzt. Vorher haben die 4 UN-Leute in Chachcharan aber noch in Panik über Funk nach dem Hubschrauber zur Evakuierung geschrien. Als ich das hörte, wußte ich sofort, was das für Leute sind, obwohl ich sie nie gesehen habe. Wahrscheinlich ist es politisch nicht korrekt, wenn ich das hier preisgebe. Aber egal. Es müssen Afrikaner sein. Die erklären schon den Ausbruch eines Bürgerkriegs, wenn im nächsten Dorf jemand mit einem kaputten Gewehr, Baujahr 1890 zum Waffenschmied geht. Habe ich mehr als einmal erlebt. Meine Annahme war übrigens richtig, wie ich in Herat dann in Erfahrung bringen konnte.

Auf der Rückfahrt entschließen wir uns zu einer Gewaltfahrt. Weiches Bett und Tisch mit Stühlen locken doch sehr. Mit dem allerletzten Tageslicht reiten wir in Herat ein. Alle glücklich und zufrieden. Tolle Fahrt!

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